Peter Achten: Wie man in China Milliardär wird – und es bleibt
Veröffentlicht: 14/06/2012 Einsortiert unter: Anlass am 5. September 2012, China's Importe, Chinas Binnenmarkt | Tags: China, Guanxi, luxus, Millionäre, Wachstum Schreibe einen Kommentar »Der bekannte Asienkommentator Peter Achten schreibt regelmässig in einer Kolumne beim Online Magazin Cash.ch. Dieses mal schrieb er über die neuen Reichen Chinesen. Ein sehr interessanter Artikel aus der Perspektive des Schweizer Exportes von Luxus und Highquality Produkten.
Über eine Million Millionäre gibt es in China und nach neuesten Zahlen etwa 300 Milliardäre. Nicht in der Volkswährung Yuan Renminbi, sondern umgerechnet in harte Schweizer Franken. Prominent und mit Stolz werden Listen mit den Reichsten der Reichen in der Presse veröffentlicht. Vor wenigen Tagen zum Beispiel wurden die wohlhabensten jungen Chinesinnen und Chinesen unter vierzig Jahren im einflussreichen Hurun-Report aufgelistet. Yang Huiyan, die 31 Jahre alte Vizepräsidentin eines Generalunternehmens in der südlichen Provinz Guangdong (mit Macau, Hongkong – siehe Karte) führt mit einem Vermögen von 36 Miliarden Yuan (gut fünf Milliarden Franken) die Rangliste an.
In aller Regel sind die Superreichen Privatunternehmer, die es in der “sozialistischen Marktwirtschaft chinesischer Prägung” mit Sinn fürs Geschäft, Inovation und Risiko in den letzten drei Jahrzehnten ganz nach oben geschafft haben. Die Lektüre der Wirtschafts-, Börsen- und Immobilienseiten der Parteiblätter und der ausländischen Websites hat Vorrang vor der Lektüre von Marx, Engels, Lenin, Stalin oder Mao. Neben den Superreichen kommt ein aufstrebender Mittelstand hinzu, der vor allem im industrialisierten, wohlhabenden Küstengürtel schnell wächst. Derzeit gibt es über 200 Millionen Mittelständler, wenn man als Messlatte eine gute Ausbildung und ein jährliches Einkommen per capita von umgerechnet zehn- bis dreissigtausend Franken ansetzt.
Selbstverständlich werden in China Kapitalisten nicht Kapitalisten genannt. Wäre ja noch schöner. Schliesslich befindet sich China unter der Ägide der allmächtigen Kommunistischen Partei noch immer im “Frühstadium des Sozialismus”. Aber Unternehmer, Millionär oder gar Milliardär, das darf man wohl sein und, seit einigen Jahren, gleichzeitig auch Parteimitglied. Kein Wunder, dass die Reichsten die Parteikarte zücken, wenn es darauf ankommt, das Geschäft zu fördern und den Reichtum zu mehren. Networking ist im Dickicht der “sozialistischen Marktwirtschaft chinesischer Prägung” noch wichtiger als anderswo. Guangxi, Beziehungen, haben eine lange Tradition. Die KP als roter Rotary Club, sozusagen.
Schon zu Beginn der Reform hatte der grosse Revolutionär und Reformer Deng Xiaoping vor etwas mehr als dreissig Jahren das berühmte Bonmot geprägt: “Reich sein ist glorreich”. Diese Worte waren damals nach dreissig Jahren maoistischem Klassenkampf mutig, um nicht zu sagen politisch inkorrekt. Was der kleine grosse Deng damit sagen wollte, war allen Chinesinnen und Chinesen klar. Die Wirtschaft stand wieder im Mittelpunkt und nicht mehr politische Kampagnen.
Dass die von Deng Ende 1978 angestossene Wirtschaftsreform derart erfolgreich werden sollte, war nicht vorauszusehen. Das Resultat des chinesischen Experiments ist einmalig in der Weltgeschichte. China war zu Beginn der Reform aber – ähnlich wie heute Nordkorea – arm und die industrielle Infrastruktur veraltet. Chinesinnen und Chinesen waren buchstäblich hungrig. Auf genügend Nahrung zunächst, dann auf mehr Wohlstand. Deng Xiaopings pragmatische Art, die Wirtschaftsreform anzugehen, brachte schliesslich den Erfolg. Deng allerdings hatte nie etwas mit Demokratie am Hut. Der ungeschriebene soziale Kontrakt war einfach und gilt bis auf den heutigen Tag: Die Partei ist für Wachstum und stetig mehr Wohlstand besorgt, während Chinesinnen und Chinesen wenig bis keine politischen Forderungen stellen.
Allerdings vergrössert sich die Kluft zwischen Arm und Reich sowie Stadt und Land ständig. Wenn der Abstand zu gross wird, entstehen soziale Spannungen. Nichts fürchtet die Partei mehr als das. Wie schon Jahrunderte zuvor die Kaiser. Meist nämlich ging das “Mandat des Himmels”, also die Macht, durch soziale Unruhen verloren. Deshalb ist nach Parteistatut das konfuzianische Konzept der “Harmonie” oberstes Gebot. Nicht von ungefähr wird “soziale Stabilität” gerade dieses Jahr bei allen möglichen und unmöglichen Gelegenheit von den “Massen” angemahnt. Der Parteikongress im Herbst wird ein präziser Indikator für die wirtschaftliche, politische und soziale Befindlichkeit der Volksrepublik sein. Wie die Kommunistische Partei die nächsten zehn Jahre plant und durchziehen wird, ist entscheidend für Chinesen und Chinesinnen. Und die Welt.

